Dieser eine Einsatz

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Du sitzt bei der Arbeit. Der Tag war anstrengend. Noch ein paar Kleinigkeiten, dann kannst du nach Hause. Der Kopf ist voll von den Telefonaten und Gesprächen des Tages, von der To-Do-Liste für den Abend und morgen. Was koche ich nachher? Muss ich noch waschen? Wann kommt dein Kind nach Hause?

Dann geht der Melder. Von einer Sekunde auf die andere schaltest du um. Verkehrsunfall, Person klemmt, Menschenleben in Gefahr. Wäsche und Essen müssen warten, die Gedanken an die Arbeit sind weggeblasen. Der Einsatz-Fokus setzt ein. Schon auf der Fahrt zum Gerätehaus gehst du in Gedanken durch, was dich erwartet. Die Straße gibt ein schlimmes Unfallbild eigentlich nicht her, 30-Zone, wenig befahren. Wieder nur Blechschaden und Betriebsstoffe aufnehmen oder stimmt die Meldung?

Du kommst als erstes an, deine Arbeit ist nicht weit weg vom Gerätehaus. Umziehen. Die ersten Abstimmungen im Fahrzeug beim Einsteigen. „Vergesst die Einmalhandschuhe nicht.“ „Kommt noch wer?“ Ein Gruppenführer steigt ein. Er kann nach hinten nicht viel sehen und fragt, wer da ist. Kurzer Rundumblick. Alles klar. Du rufst nach vorn: „Ich geh rein. Du hast X und Y als Angriffstrupp.“ Innerer Retter also – wie schon öfter. Du bist ein paar Jahre Rettungsdienst gefahren, deswegen hast du diese Aufgabe. Das heißt: Du wirst die Person sein, die am Patienten arbeitet, das Bindeglied zwischen dem Patienten, dem Rettungsdienst und Feuerwehr. Das heißt aber auch: Du wirst voraussichtlich am meisten sehen, am meisten riechen und die stärksten Erinnerungen behalten. Du fummelst dir die rote Tasche ans Bein, wie immer verhakt sich alles. Das nervt. Wer baut eigentlich solche Befestigungen?! Egal. Konzentrier dich. Denk voraus.

An der Einsatzstelle: Zwei Pkw, Passanten, auf den ersten Blick eher Blechschaden. Du steigst mit deinem Gruppenführer aus, Einer vom Rettungsdienst kommt auf dich zu und sagt nur einen Satz: „Patient im Pkw rot gesichtet.“ Du gehst zum Pkw. Es sieht wirklich schlimm aus. Der Patient verliert viel Blut. Das muss schnell gehen. Du checkst den Innenraum. Einsteigen geht nicht, wenn der Notarzt gleich noch Platz haben soll. Also greifst du von außen in den Innenraum, legst dem Patienten die Hand auf einen unverletzten Körperteil. Jetzt musst du sehr schnell eine Verbindung zum Patienten aufbauen. Ein wildfremder Mensch, den du nicht mal richtig sehen kannst, der dich ebenfalls nicht sehen kann. Voller Angst und Schmerzen. Eben noch normales Leben, jetzt Lebensgefahr. Du hast keine Ahnung, wie dieser Mensch tickt, musst aber im ersten Anlauf die richtigen Worte finden. Du bist seine Verbindung zum Leben. Durchatmen. Ab jetzt heißt es funktionieren.

Du fragst nach seinem Namen. Stellst dich selbst vor. Er versucht, sich zu bewegen. Du erklärst ihm, dass du von der Feuerwehr kommst und bei ihm bleibst. Er darf sich nicht noch mehr bewegen, das macht die Verletzungen nur noch schlimmer. Du sprichst ununterbrochen mit ihm. Die Berührungen helfen. Er wird ruhiger. Du versprichst ihm, dass ihr ihn da so schnell wie möglich rausholt, während du im Kopf noch einen Plan machen musst. Er antwortet dir jedes Mal, das ist gut und wichtig. Er ist also bei Bewusstsein. Das heißt aber auch, dass er die Schmerzen voll mitbekommt. Das Team vom RTW kümmert sich derweil um die schlimmste Verletzung – das x vor dem ABCDE. Du erklärst ihm, was gerade mit ihm passiert. Parallel machst du deinen Plan. Das wird eine Sofortrettung. Es gibt nur eine Option. Wenige Worte und ein paar Gesten reichen, um das mit dem Team des RTW abzustimmen. Sie nicken und arbeiten weiter.

Der Einsatzleiter trifft ein und kommt direkt zu dir.

Auch hier wenig Worte. Du erklärst ihm leise in 2,3 Sätzen den Plan, sagst ihm, dass es wirklich schnell gehen muss. An der Einsatzstelle wird jetzt gelaufen. Alle Hände greifen ineinander, niemand schreit oder ruft. Weitere Kräfte treffen ein und helfen deinen Kameraden bei der Vorbereitung. Der Notarzt – endlich ist er da! – steigt ins Fahrzeug, legt einen Zugang und gibt dem Patienten etwas gegen die Schmerzen. Es wird unruhig am Auto, die Rettung beginnt. Du bemühst dich um eine besonders ruhige Stimme, erklärst, dass es gleich wackeln, laut werden und vermutlich auch noch mal sehr weh tun wird. Der Patient ist immer noch komplett ansprechbar, zittert aber inzwischen stark. Blutverlust, Schock, aber auch die Kälte.

Während der Rettung wird das Fahrzeug bewegt. Du sprichst weiter mit dem Patienten. Er lässt alles über sich ergehen, antwortet immer noch. Endlich ist er frei. Mit insgesamt 8 Leuten schiebt-zieht-hebt ihr ihn aufs Spineboard. Raus, schnell aus dem Fahrzeug. Draußen siehst du seine Verletzungen erst richtig. Gut, dass er sie selbst nicht sehen kann, denkst du. Er liegt jetzt auf der Trage. Dein Job ist getan. Du verabschiedest dich von ihm, wünscht ihm alles Gute.

Deine Kameradinnen und Kameraden helfen dir beim Umziehen. Deine Klamotten sind blutverschmiert. Du ziehst einen Trainingsanzug an. Deine Stiefel werden abgespült und in eine Tüte gepackt. Die Handschuhe? Weg. Alle kümmern sich, fragen dich, wie es dir geht. Das weißt du selbst noch gar nicht. Erstmal Luft holen.

Du horchst in dich hinein. Es ist auszuhalten. Du weißt, du wirst ein paar Tage sehr viel drüber nachdenken, aber du kennst dich gut genug, um zu wissen, dass keine Narben bleiben werden. Erinnerungen, Bilder, Gerüche, ja. Es wird ein Teil deines Lebens werden, etwas Prägendes. So viel ist jetzt schon klar. Im Gerätehaus sprecht ihr lange über eure Eindrücke. Es ist gut, den Zusammenhalt zu spüren, die Lücken zu füllen, was andere mitbekommen haben und du nicht. Die Gemeinschaft fängt sich gegenseitig auf. Das ist der Unterschied zwischen Fußballverein und Feuerwehr. Wir teilen die schwarzen Stunden.

Du fährst nach Hause. Erstmal die Familie drücken, dann eine lange, heiße Dusche. Du rufst einen Freund an, sprichst lange mit ihm. Das tut gut. Du weißt, dass das Unfallopfer jetzt vermutlich im OP um sein Leben kämpft, während du warm und trocken vor dem Ofen sitzt. Das Leben ist ungerecht. Ein sehr kluger Kollege hat neulich zu dir gesagt: „Denk dran, du hast das Ganze nicht angefangen. Das war schon so, als du angekommen bist. Du kannst es nur noch besser machen.“ Mit diesem Gedanken schläfst du ein.

Einige Tage später ist klar: Das Unfallopfer ist außer Lebensgefahr. Es hat gereicht, was ihr getan habt. Du weinst vor Freude.

Dieser eine Einsatz ist einer von denen, für die du Jahrzehnte geübt und trainiert hast.

Dieser eine Einsatz ist einer von denen, bei dem alles stimmen muss.

Dieser eine Einsatz ist einer von denen, die bei dir bleiben.

Wiebke Thönißen

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